Andacht zum Abschluss der Ausstellung "Spuren" von Hans Spitzeck

Am Dienstag, den 20.11.18, um 19 Uhr, findet in der Krankenhauskapelle im Haus St. Petrus die Abschlussandacht zur Ausstellung der Werke von Hans Spitzeck statt.

Andacht zum Abschluss der Ausstellung "Spuren" von Hans Spitzeck

Laudatio von Jürgen Laue, Vorsitzender des Kunstvereins Bad Godesberg, von der Ausstellungseröffnung

Hans Spitzeck spielt mit Farben und Materialien. Schweres wird dabei leicht. Die Farben leuchten, und Momente scheinen für immer aufgehoben. Das ist es, was er in seiner Einladung verspricht und wir hier können uns davon überzeugen, der Künstler hat sein Versprechen gehalten. Vielschichtig aufgetragen sind die Farben und die Farbpalette ist riesig. Doch bei allem mutigen Umgang mit Farben, bleibt er immer bedacht, es mit der Vielfalt nicht zu übertreiben. Als erfahrener Künstler – er malt schon sein früher Jugend hat er mir verraten – weiß er: Auch er muss sich der Syntax des Auges und der Grammatik der Farben und Formen beugen. Aber darüber hinaus bleiben sehr viele Möglichkeiten. Und dass der Künstler sie nutzt, 
ist kein Zufall. 

Als wir uns hier zum Vorgespräch getroffen haben, hat er mir erzählt, dass 
er seine Werke sorgsam plant. Skizzen erstellt, auf Pappe vor malt. Zwar bevorzugt er die freie Abstraktion, aber er weiß, dass auch diese Werke ihren Halt brauchen. Dass er Bezugspunkte für die Blicke des Betrachters schaffen muss. Deutlich wird dies beim Werk Blaue Stunde, mit sehr festen, ein-deutigen Bezugspunkten. Dass ich diesen Begriff herausstelle, hat natürlich seinen Grund. 

Denn Kunst steht mitten im Leben und gute, reflektierende Kunst sollte immer Seismograph unserer Gesellschaft sein. Und jede Gesellschaft und jeder von uns braucht Bezugspunkte im Leben. Daher interpretiere ich den Titel Spuren dieser Ausstellung als Lebensspuren. Und dies passt nun sehr gut hier in das St. Petruskrankenhaus. Ich selber wurde vor einigen Jahren mal ziemlich lädiert eingeliefert und konnte das Haus nach überschaubarer Zeit wieder – wenn auch erst auf Krücken, aus eigener Kraft verlassen. Auf meinem linken Oberschenkel hat dieses Intermezzo jedoch Spuren hinterlassen. Lebensspuren. 

Ein anderes ähnliches Wort hörte ich beim Vorgespräch vom Künstler. Lebenswille, als positiver Gegenbegriff zu Destruktion. Dass seine Werke den ausdrücken, ist sein Anspruch. Menschlicher Lebenswille begegnet uns nicht nur hier im Krankenhaus. Am Wochenende habe ich im Kino einen Film von Ärzte ohne Grenzen gesehen. Mit Bildern von Flüchtlingen in einem Schlauchboot. Darunter auch ein Säugling. Ich muss gestehen, dass ich mir da die Frage der Verantwortung der Eltern gestellt habe. Aber vielleicht ist genau dieser menschliche Überlebenswille Teil der Antwort. Und der kann natürlich nicht bei den eigenen Kindern aufhören. Zudem, wenn diese Kinder erst auf der Flucht geboren werden. 

Kunst muss provozieren. Grenzen überschreiten. Und damit leite ich auf eine Bilderreihe über, die der Künstler mit Grattage überschreibt. Etwas direkter und eigentlich auch zu einigen Werken passt besser der ursprüngliche Begriff Scratching. Ein Begriff aus der Hip Hop Szene. DJs spielen in den Clubs nicht einfach Schallplatten, sondern quälen sie regelrecht. Konfrontieren die Nadel – unter übelsten Scratch-Geräuschen – mit der Schallplatte, lassen die Nadel 
über die Oberfläche scratchen. Wenn ich daran denke, wie pfleglich mein Vater mit Schallplatten umgegangen ist, und dies auch mir beigebracht hat, ist das für mich ein Tabubruch. Aber genau davon, von solchen Tabubrüchen lebt unsere Gesellschaft, solche Grenzüberschreitungen bringen uns weiter. Wenngleich sie oft wehtun und darüber diskutiert werden muss. Auch dazu kann Kunst anregen. 

Zurück zu den hier gezeigten Scratch-Werken: Kratzer entwerten Gegen-stände nicht, sondern ziehen den Untergrund in den Vordergrund. Zeigen Tiefe, machen uns deutlich, dass unter dem, was wir vordergründig sehen, noch etwas Anderes existiert. Aber das wird nicht in der bisherigen Art dargestellt. Dafür müsste der Künstler die gesamte Farbschicht entfernen. Nein. Das ist nicht Sinn der Sache. Denn die verschiedenen Schichten müssen in – mehr oder weniger – harte Auseinandersetzung miteinander treten. Sie stehen nicht mehr für sich allein, sondern im gegenseitigen Kontext – im Füreinander oder Gegeneinander. Beides muss versuchen sich zu behaupten. Wenn das kein Abbild unserer Gesellschaft ist, weiß ich es wirklich nicht. 

Aber neben Werken mit harten Kratzern, finden wir auch solche mit weicheren Übergängen. Der Begriff Grattage passt da durchaus. Durch die Vermischung – Integration? + Migration? – entsteht etwas Neues. Eine neue, die dritte Dimension? Erkennen wir daraus Bilder? Wir Menschen suchen immer nach Bildern. Auch, oder vor allem von einer Dimension, aus der keine gesicherten Bilder überliefert sind. Dem Jenseits. Fragen dazu, Suche nach Bildern, treibt uns alle um. Aber hier, im Krankenhaus, in der Seelsorge, muss man versuchen Antworten zu finden. Für Menschen, die auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits stehen. 

Vielleicht hilft hier die Kunst. Zwar kann auch sie keine eindeutigen Ant-worten liefern, aber vielleicht doch Andeutungen, Interpretationen, Trost, Bezugspunkte. Vor diesem Hintergrund möchte ich Sie ermuntern, sich die Werke von Hans Spitzeck anzusehen, um ihre eigenen Bezugspunkte her-auszufinden. Am besten im Gespräch miteinander und im Dialog mit dem Künstler. Dabei wünsche ich viel Spaß, denn Kunst darf auch Spaß machen. 

 
 
 
5
 
 
 
 
 
 
 
Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen