Über das Behandlungskonzept beim Speiseröhrenkrebs entscheiden wir im Einzelfall in unserer interdisziplinären Tumorkonferenz anhand der eingehenden internistischen und radiologischen Diagnostik. Obligatorisch führen wir auch eine endoskopische Ultraschalluntersuchung der Speiseröhre durch (Endosonographie), um das Tumorstadium genauer festlegen zu können. Letztendlich kann das Behandlungskonzept nur unter verantwortungsvoller Berücksichtigung des Allgemeinzustandes des Patienten und der individuellen Risikofaktoren festgelegt werden.
Die Tumorchirurgie der Speiseröhre ist sehr komplex und erfordert eine routinierte Zusammenarbeit zwischen Chirurgen, Gastroenterologen, Anästhesisten und Intensivmedizinern. Nur so können Risiken dieser durchwegs anspruchsvollen Chirurgie auf ein Minimum gesenkt und Komplikationen fachgerecht behandelt werden. Mit einer entsprechenden operativen Erfahrung bei regelmäßiger Durchführung der komplexen Eingriffe können schwerwiegende Komplikationen oftmals vermieden werden.
Man unterscheidet im Wesentlichen zwei Arten von Speiseröhrenkrebs:
Das Adenokarzinom entsteht überwiegend im unteren Drittel der Speiseröhre, ist bei Männern häufiger als bei Frauen und nimmt in den letzten Jahrzehnten an Häufigkeit zu. Diese Tumorform entsteht typischerweise als Folge einer langjährigen Refluxerkrankung, wenn beispielsweise bei einem Zwerchfellbruch die Magensäure nach oben in die Speiseröhre zurückläuft. Durch diesen sauren Reflux können Veränderungen an der Schleimhaut der Speiseröhre entstehen, die mit einem erhöhten Risiko in einen Krebs übergehen.
Das Plattenepithelkarzinom der Speiseröhre wächst im Vergleich zum Adenokarzinom überwiegend im oberen und mittleren Drittel der Speiseröhre, nimmt an Häufigkeit ab und hat eine schlechtere Prognose. Diese Krebsform entsteht typischerweise nach langjährigem Genuss von Alkohol und Nikotin. Dementsprechend haben die betroffenen Patienten oftmals einen reduzierten Allgemein- und Ernährungszustand und leiden an signifikanten Begleiterkrankungen der Lunge oder Leber.
Bei einem Adenokarzinom im frühesten Stadium kann der Tumor eventuell noch lokal endoskopisch abgetragen werden, weil das Risiko für eine Streuung in Lymphknoten dann sehr gering ist. Bei fortgeschritteneren Tumorstadien und grundsätzlich wenn lokale Absiedlungen in Lymphknoten vorhanden sind, ist eine operative Entfernung der Speiseröhre in Erwägung zu ziehen. In Abhängigkeit von Tumortyp, Lokalisation und Tumorstadium (Tiefenaus-dehnung, Lymphknoten-Absiedlungen) kann entweder primär operiert werden oder es muss der Operation eine Vorbehandlung mit Chemotherapie und/oder Bestrahlung vorgeschaltet werden. Ziel der Operation ist immer die vollständige Tumorentfernung. Dies ist auch bei Tumor-Absiedlungen in benachbarten Lymphknoten sinnvoll. Liegen allerdings Absiedlungen in tumorfernen Lymphknoten, in der Lunge oder Leber vor oder ist der Tumor bereits in benachbarte Strukturen eingewachsen, ist eine Operation nicht mehr möglich. Dann kommen andere Therapieformen wie Chemotherapie und Bestrahlung zur Anwendung. Ebenso sollte bei Patienten in einem schlechten Allgemeinzustand von der großen Operation Abstand genommen werden.
Die Entfernung eines Speiseröhrenkrebses ist grundsätzlich ein großer Eingriff. Hierzu eröffnen wir sowohl die Bauchhöhle über einen Mittelschnitt als auch die rechte Brusthöhle über einen seitlichen Schnitt. Während der Präparation des Brustraumes wird die rechte Lunge aus Gründen der Übersicht nicht belüftet. Die Speiseröhre wird nun mit dem gesamten anhängenden Weichgewebe (überwiegend Lymphknoten) aus dem mittleren Brustraum ausgelöst. Dabei werden die Brustschlagader und andere große Gefäße im Brustraum, der Herzbeutel, Nervenbahnen und die Luftröhre mit ihrer Aufzweigung freigelegt. Die Speiseröhre mit dem Tumor wird im oberen Brustraum oder am Hals abgetrennt und dann zusammen mit einem oberen Magenanteil entfernt. Durch einen Schnellschnitt lassen wir noch während der Operation vom Pathologen bestätigen, dass die Absetzungsränder tumorfrei sind.
Aus dem Restmagen wird ein Magenschlauch als Ersatz für die Speiseröhre gebildet. Ein solcher Magenschlauch kann derart gestreckt werden, dass sein oberes Ende sogar bis zum Hals hoch verlagert werden kann. Das kurze obere Speiseröhrenende wird dann mit dem Magenschlauch vernäht und auf diese Weise die Kontinuität der Nahrungspassage wiederhergestellt. Diese Nahtverbindung legen wir je nach Tumorlage und Tumortyp im oberen Brustraum oder an der linken Halsseite an. Bei einer Nahtverbindung am Hals bevorzugen wir es, den Magenschlauch durch einen Tunnel hinter dem Brustbein und vor dem Herzen nach oben zum Hals zu ziehen. Das Brustbein muss dazu nicht eröffnet werden.
Kommt der Magen für einen Speiseröhrenersatz nicht in Frage (beispielsweise nach einer früheren Magenoperation), verwenden wir alternativ ein Dickdarmsegment. Dieses Darmsegment trennen wir aus der Dickdarmpassage unter Erhalt seiner eigenen Gefäßversorgung heraus und setzen es zwischen dem oberen Speiseröhrenende am Hals und dem Restmagen ein („Koloninterponat“).
Gutartige Tumore sind meist in der Speiseröhrenwand unter einer ansonsten intakten Schleimhaut gelegen und kapselartig begrenzt. Sofern überhaupt operiert werden muss, können sie dann aus der Wand ausgeschält werden („Enukleation“). Eine Entfernung von Lymphknoten ist nicht erforderlich. Unter bestimmten Voraussetzungen kann ein solcher Eingriff minimal-invasiv mit der Schlüsselloch-Chirurgie erfolgen.
Sackförmige Ausstülpungen der Speiseröhrenschleimhaut nach außen sind meist im Halsbereich gelegen. Solche sogenannten „Zenker-Divertikel“ verursachen ein Kloßgefühl und Schluckbeschwerden, wenn feste Nahrung darin hängen bleibt. Typischerweise wird unverdaute Speise insbesondere im Liegen nach oben befördert. Die operative Therapie besteht in einer Abtragung dieser Ausstülpung über einen kleinen Hautschnitt an der linken Halsseite.